Wie viele Kinder wir erreichen – und warum das zählt

Veröffentlicht am 20.08.2025  //  In

Kulturelle Bildung und Teilhabe für mehr als 11.000 Kinder pro Jahr – und trotzdem soll Schluss sein? Eine nüchterne Analyse der Konsequenzen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Das Fliegende Theater erreicht jährlich mehr als 11.000 Kinder, darunter viele aus bildungsfernen Kontexten
  • Ohne die 67.000 Euro Förderung verschwindet das einzige regelmäßige Kindertheater in Kreuzkölln
  • Der Verlust bedeutet weniger Bildungsgerechtigkeit und Integration für kommende Generationen

Zahlen, die eine Geschichte erzählen

Die Statistik des Fliegenden Theaters liest sich wie ein Erfolgsroman: 2022 kamen 10.300 Besucher, 2023 waren es bereits 11.900, und 2024 sogar 12.700 Menschen. Diese stetig wachsenden Zahlen sind mehr als bloße Besucherstatistik – sie spiegeln den Bedarf wieder, den das Theater in einem der vielfältigsten Kieze Berlins deckt.

Von den jährlich über 12.000 Besuchern sind durchschnittlich 11.000 Kinder mit ihren Kitas,  Schulklassen oder der Familie zu Besuch. Diese Kinder kommen größtenteils aus der unmittelbaren Nachbarschaft: aus Kreuzberg und Neukölln, aus einem Sozialraum, in dem viele Familien wenig Zugang zu kulturellen Angeboten haben.

Ein Theater mitten im Leben der Stadt

Das Fliegende Theater wirkt seit über 25 Jahren mitten in einem sozialen Brennpunkt, in dem Vielfalt und prekäre Lebensverhältnisse eng beieinander liegen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:

  • In Neukölln haben 58,3 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund, in Kreuzberg liegt der Anteil ähnlich hoch.
  • Gleichzeitig sind in Neukölln über ein Drittel der Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet – bei einer Arbeitslosenquote von 14,1 Prozent.

Hier wachsen Kinder auf, die oft zum ersten Mal durch dieses Theater mit Kunst und Kultur in Berührung kommen. Mit einer Bevölkerungsdichte von über 14.000 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Kreuzberg einer der dichtesten Stadtteile Berlins – kulturelle Angebote in fußläufiger Entfernung sind daher nicht Luxus, sondern Notwendigkeit.

Für die 28 Inszenierungen im Repertoire bedeutet das eine besondere Verantwortung. Die Stücke richten sich an Kinder von zwei bis elf Jahren und werden oft zu deren ersten Theatererfahrung überhaupt. Das multimediale Figuren- und Objekttheater schafft durch Live-Musik, Projektionen und interaktives Mitspiel eine unmittelbare Verbindung zum jungen Publikum.

Integration durch Imagination

Das multimediale Figuren- und Objekttheater arbeitet mit Live-Musik, Projektionen und interaktivem Mitspiel. Viele Kinder aus Neukölln und Kreuzberg besuchen regelmäßig die Aufführungen, darunter zahlreiche mit Migrationshintergrund. Das Theater erzählt Geschichten aus der deutschen Kultur und vermittelt Märchen, die Kinder aus anderen Kulturen kennenlernen können.

Diese kulturelle Brückenfunktion macht dieses Theater zu mehr als nur einem Unterhaltungsort. Es wird zum Integrationsinstrument, das durch gemeinsame ästhetische Erfahrungen verbindet und gleichzeitig als Sprachförderung wirkt.

Bildungspartner für Kitas und Schulen

Die Bedeutung des Theaters zeigt sich besonders in den Kooperationen mit Bildungseinrichtungen. Für viele Kitas und Grundschulen in Friedrichshain-Kreuzberg ist das Theater ein unverzichtbarer Partner. Die kurzen Wege ermöglichen es auch kleinsten Kindern, regelmäßig Theateraufführungen zu besuchen.

Wie der Jugendkulturservice in seinem offenen Brief betont: „Für Gruppen mit sehr jungen Kindern sind längere Wege in weiter entfernte Theater kaum zu bewältigen.“ Der Verlust würde für viele Einrichtungen das Ende regelmäßiger kultureller Teilhabe bedeuten.

Mit Eintrittspreisen von acht Euro (sechs Euro ermäßigt für Gruppen) bleibt das Theater auch für sozial schwache Familien zugänglich. Diese sozial verträglichen Preise sind entscheidend in einem Kiez, in dem jeder Euro zählt.

Die wahre Bedeutung von 67.000 Euro

Die jährliche Basisförderung von 67.000 Euro macht etwa ein Drittel des Theaterbudgets aus. Zum Vergleich:

  • Das Deutsche Theater erhält 213 Euro öffentliche Subventionen pro Besucher, die Volksbühne 192 Euro (Link 1, Link 2).
  • Das Fliegende Theater kommt hingegen mit gerade einmal sechs Euro pro Kind aus – ein Eigenanteil von zwei Dritteln, der sogar für Kindertheater außergewöhnlich ist.

Dennoch reicht der Eigenbeitrag nicht aus, um das Theater zu erhalten. Ohne die staatliche Unterstützung droht die Schließung eines Hauses, das nachweislich gesellschaftliche Aufgaben erfüllt, die weit über Unterhaltung hinausgehen.

Gesellschaftliche Kosten der Kulturkürzung

Der drohende Verlust des Fliegenden Theaters ist symptomatisch für eine kurzsichtige Kulturpolitik. Wie der Jugendkulturservice in seinem Offenen Brief an die an die Berliner Kultur- und Bezirkspolitik warnt: „Ein Theater wie dieses ist mehr als ein kultureller Ort – es ist für viele Kinder ihr erster Kontakt mit Theater überhaupt. Es prägt. Es öffnet. Es bildet.“

Die gesellschaftlichen Folgekosten einer solchen Schließung sind schwer zu beziffern. Weniger kulturelle Bildung bedeutet weniger Chancen für Kinder aus benachteiligten Familien. Weniger Integration durch gemeinsame kulturelle Erfahrungen. Weniger Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund.

Das Fliegende Theater erreicht etwa 16 Prozent aller Kinder, die geförderte Produktionsorte für junges Publikum in Berlin besuchen. Diese Reichweite in einem sozial sensiblen Kiez zu verlieren, wäre ein kulturpolitisches Signal mit weitreichenden Folgen.

Migrationspolitische Dimension der Kürzung

Die Ankündigung der Förderkürzung löste eine Welle der Solidarität aus. Die Reaktionen zeigen mehr als nur lokale Verbundenheit – sie spiegeln die Sorge um ein bewährtes Integrationsinstrument wider. Wissenschaftliche Studien belegen die herausragende Wirkung von Kindertheater für Integration und Sprachförderung. Das DICE-Projekt der EU untersuchte in zwölf europäischen Ländern, wie Theater interkulturelle Kompetenzen entwickelt – besonders in Schulen mit hohem Migrationsanteil.

Das Hamburger TheaterSprachCamp, speziell für Kinder mit Migrations- und Fluchthintergrund entwickelt, zeigt nachweisbare sprachfördernde und integrative Effekte. Das MUT-Projekt in Oldenburg nutzt Theater gezielt zur Integration von Geflüchteten aus verschiedenen Herkunftsländern.

Vor diesem Hintergrund wird die Schließung des Fliegenden Theaters auch zu einem migrationspolitischen Signal: Ausgerechnet dort, wo Integration am dringendsten gebraucht wird, werden die Instrumente weggenommen. Das Theater steht stellvertretend für eine Kulturpolitik, die Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt ernst nimmt – oder sie kurzsichtig opfert.

Fazit

Die über 11.000 Kinder, die jährlich das Fliegende Theater besuchen, sind mehr als eine Statistik. Sie repräsentieren das Recht auf kulturelle Teilhabe, das Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention garantiert. Die Schließung dieses Theaters wäre nicht nur der Verlust einer kulturellen Institution, sondern ein Rückschritt für Bildungsgerechtigkeit und Integration. Die Investition von 67.000 Euro jährlich ist minimal im Vergleich zu den gesellschaftlichen Kosten, die durch den Wegfall entstehen würden.

Weiteführende Quellen zum Thema

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