"Tage, wo überall Feinde lauern"

Eine Kindheit 1945
nach dem Roman "Kinderlitzchen" von Horst Ulbricht

 
 






Eine multimediale Theaterperformance mit Figuren, Objekten, Projektionen und Livemusik. - Dauer 80 Min.
gefördert durch 'Der Regierende Bürgermeister in Berlin'
in Koproduktion mit der Schaubude Berlin

Regie: Martina Couturier - Spiel: Rudolf Schmid
Livemusik: Anja C. Gilles - Projektionen: Marie-Elsa Drelon
Sprecher: Erich Schwarz
Figuren,Objekte: Rudolf Schmid - Trickanimation: Paul Bose

 
 
Die Vorlage
In dem 1978 erschienenen Roman „Kinderlitzchen" von Horst Ulbricht erlebt man durch die Augen eines 5-6 jährigen Kindes die Ereignisse am Ende des 2. Weltkrieges. Der Junge H. wächst in einer kleinen Stadt im Fränkischen in einer verständnislosen, feindseligen Umwelt auf . Immer wieder sieht er sich mit Situationen konfrontiert, die er nicht versteht. Was ein „Heilhitler" sei, will er wissen, und warum dem jetzt der „Arsch auf Grundeis" gehe. Warum aus manchen Menschen Seife gemacht werde, und wieso man die Juden nennt.
Auf seine Fragen erfährt er nie die Wahrheit. Dass ein falsches Wort im Faschismus schon gefährlich oder gar tödlich sein kann, weiß er nicht. Also gibt er sich selbst Antworten, interpretiert die Ereignisse mit den Geschichten seiner Märchenwelt, und schafft sich mit Hilfe einer regen Phantasie Freiräume.
Durch den Blick des Kindes bekommen die Ereignisse eine fast surreale Absurdität. Durch eindringliche Bilder, entlarvend in den Gedanken des aufgeweckten Kindes, läßt der Roman den Zusammenhang von schwarzer Pädagogik und Faschismus erahnen.


Aus dem Roman "Kinderlitzchen":

"Heut ist Mamas Geburtstag. Gleich am Morgen gibt es Ärger. Er will nicht mit Seife gewaschen werden, behauptet, daß die Juden beißen. Mama wird fuchtig. Nicht einmal an ihrem Geburtstag komme man aus dem Ärger heraus. Ihr Sohn werde von Tag zu Tag blöder. Den Juden habe der Hitler das Beißen schon abgewöhnt. Und dann gäbe es hier überhaupt keine mehr. Sie könnten ihn nicht mehr beißen. Er wird zwischen die Knie geklemmt, gewaschen.
Und sie beißen doch, stellt er fest. Er ließe auch nicht einfach Seife aus sich machen, würde auch beißen."


"Heute macht H. mit Opa einen Spaziergang. Sie kommen an einem unterirdischen Haus vorbei: Von hier würde gemeldet, wenn feindliche Bomber kämen, damit die Menschen in die Keller gehen könnten. Warum feindliche Flugzeuge kämen? Ja, wer das wüßte! Auf der Wiese liegt ein Stück Papier: Ein Flugblatt sei dies. Was darauf stehe? Die Kinder müssten schön brav sein, stehe da. Doch er sieht, da steht viel mehr. Opa knüllt es zusammen und wirft es ins Gebüsch. Auf dem Weg finden sie einen silbrig glänzenden Streifen, wie Lametta. Stanniol sei das; die amerikanischen Flugzeuge würfen das ab, um nicht gesehen zu werden. H. verstaut vorsichtig das Stanniol in seiner Tasche; Warum die Menschen nicht solche Streifen wie die Flieger nehmen, um unsichtbar zu sein? Wahrscheinlich gibt es die nur auf Sondermarken."


Umsetzung
Auf vier Ebenen erlebt man den Roman von Horst Ulbricht in dem Stück:
Der Erzähler Erich Schwarz ist mit einer komprimierten Fassung des Romans von Band zu hören. Die drei Bühnenakteure assoziieren mit ihren unterschiedlichen Medien dazu:
Rudolf Schmid mit der Sprache des Figuren-, und Objekttheaters sowie ritueller Theaterformen. Mit Holzpuppen, kleinen Modellfiguren, Scherenschnitten und Zeichnungen schafft er eindringliche poetische Szenen. Marie–Elsa Drelon projiziert bewegte Bilder und Lichtmalereien auf Bühne und Hintergrund. Die Musikerin Anja Gilles begleitet mit Geige, Concertina und Gesang das Stück und benutzt die Objekte und Installationen des Figurenspielers für musikalische Experimente. So erschaffen die drei Künstler durch das Ineinandergreifen ihrer verschiedenen Ausdrucksmittel eine ungewöhnlich dichte Klang- und Bilderwelt zu diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte.


Kommentar des Autors:
„Eine kongeniale Umsetzung der Romanatmosphäre auf der Bühne, die mir neben dem Vergnügen am Spiel Chars Satz ins Gedächtnis rief: "Leben heißt, Erinnerungen zu Ende bringen."




Technische Bedingungen
Für das Stück werden benötigt:

* eine Bühnenfläche von mind. 7x 4 m
* eine 50 - 80 cm hohe Bühne oder ansteigende Zuschauerreihen
* eine Mindestraumhöhe von 2,80 m
* einen abdunkelbaren Raum
* 2 Stromanschlüsse à 220 V / 16 A
* Die Aufbauzeit beträgt 3,5 Std. , die Abbauzeit 1 Std.
* Beleuchtung und Tontechnik werden von uns mitgebracht




Fliegendes Theater